Best Meeting Thesis Austria 2022

Ökologische Nachhaltigkeit im MICE-Sektor

AUSTRIAN CONVENTION BUSINESS MAGAZIN (PRINT 2022/04)

Lena Reil

Integration eines nachhaltigen Service Supply Chain Managements in die Planung von Incentive-Veranstaltungen am Beispiel von Veranstaltungsunternehmen in Tirol

Das Ziel der Masterarbeit von Lena Reil, Absolventin der FH Kufstein Tirol, war, die Zusammenhänge zwischen Nachhaltigkeit, Incentive-Branche und Lieferketten-­Management aufzuzeigen und anhand bestehender Literatur ein Modell zu erarbeiten, das die Zusammenhänge widerspiegelt und die Einflüsse darstellt.

Häufig haben Veranstaltungen den Ruf nicht nachhaltig zu sein. Die Auswirkungen von Veranstaltungen werden demnach als negativ wahrgenommen, weshalb schnell kritische Stimmen laut werden. Besonders in der MICE-Branche wird die Notwendigkeit solcher Veranstaltungen in Frage gestellt, da dieser Sektor häufig mit Reisetätigkeiten verbunden ist und dies annehmen lässt, dass er aufgrund von hohen Emissionswerten und dem Verbrauch von Ressourcen nicht nachhaltig sein kann. Veranstaltungsplaner*innen sehen sich daher in der Pflicht, dem negativen Ruf der Branche entgegenzuwirken und das Thema Nachhaltigkeit noch durchdringender zu etablieren. Auffallend ist jedoch, dass sich die bisherige Forschung nur auf bestimmte Formate wie Messen, Kongresse, Festivals und Sportveranstaltungen fokussiert und einen nicht unerheblichen Teil der MICE-Branche außer Acht lässt: Incentive-­Veranstaltungen.

In ihrer Masterarbeit entschied sich Lena Reil speziell für den Bereich des Service Supply Chain Managements, der bei Veranstaltungsunternehmen in Tirol eruiert wurde. Die Konzentration auf Tiroler Veranstaltungsunternehmen lässt sich dadurch begründen, dass das österreichische Bundesland beim Benchmarking-Prozess des Global Destina­tion Sustainability (GDS) Index von insgesamt 73 teilnehmenden Destinationen den 6. Platz erreicht hat und dadurch zurecht als Vorreiter in Sachen Nachhaltigkeit eingestuft werden kann. Durch diesen Prozess ist jedoch auch ersichtlich geworden, dass Tirol Nachholbedarf im Bereich Supply Chain hat.

Unternehmerische Triebkräfte, Ausrichtung und Notwendigkeit

Für die theoretische Basis wurden zuerst die Zusammenhänge zwischen Nachhaltigkeit, Incentive-Branche und Service Supply Chain Management aufgezeigt. Die aufgedeckte Forschungslücke im Bereich Incentive-Veranstaltungen sollte so geschlossen werden. Aus der Aufarbeitung bestehender Literatur entwickelte die Autorin ein Modell, dass die Zusammenhänge widerspiegelt und die Einflüsse auf die Umsetzung eines nachhaltigen Service Supply Chain Managements in die Planung von Incentive-Veranstaltungen darstellt.

Das Modell gliedert sich in drei ineinander verschachtelte Bereiche, um damit aus der Makroperspektive immer spezifischer auf die Mikroperspektive der Veranstaltungsplanung zu gelangen. Der erste, äußerste Bereich veranschaulicht (interne und externe) Triebkräfte, die Unternehmen zur Umsetzung nachhaltiger Praktiken motivieren. Der zweite Bereich schaut auf die Unternehmensebene und stellt die strategische Ausrichtung hinsichtlich Nachhaltigkeit im Unternehmen dar. Bevor sich ein Unternehmen jedoch am sogenannten Triple Bottom Line-Ansatz (Ökonomie, Ökologie, Soziales) orientiert, muss zuerst die Notwendigkeit dafür erkannt werden. Die Nachhaltigkeitspyramide von Saeed-­Khan und Clements (2010) zeigt dabei den Prozess dieser nachhaltigen Entwicklung in fünf Schritten an. Der dritte Bereich, der wiederum innerhalb der strategischen Unternehmensausrichtung eingebettet liegt, fokussiert sich speziell auf den Planungsprozess von Incentive-Veranstaltungen. Das Behaviour Change Modell von Fröhlich und Steinbiß (2019) stellt eine Möglichkeit dar, wie Leistungspartner*innen zur Umsetzung nachhaltiger Praktiken motiviert werden können. Um diese Maßnahmen ausgestalten zu können, wurde der nachhaltige Managementansatz vom UN Global Compact (2012) herangezogen und als Teil in das neue Konzept integriert. Zusätzlich wurde das Reifegradmodell von Reefke et al. (2014) hinzugefügt, welches den Aufstieg von einem Unbewusstsein für eine nachhaltige Supply Chain hin zu einer erweiterten und nachhaltigen Führung einer nachhaltigen Supply Chain zeigt.

Das theoretische Modell wurde anschließend durch sechs leitfadengestützte Interviews mit Vertreter*innen der Tiroler MICE-Branche abgeglichen, um die Übereinstimmung zwischen Theorie und Praxis zu überprüfen. Um an der Studie mitwirken zu können, mussten die interviewen Personen folgende Kriterien erfüllen: Tiroler Veranstaltungsunternehmen, Planung von Incentive-Veranstaltungen und nachhaltige Unternehmensphilosophie. Um die Thematik aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten und eine ganzheitliche Sichtweise zu ermöglichen, wurden unterschiedliche Arten von Veranstaltungsunternehmen als Interview­partner*innen ausgewählt. Alle Interviews wurden mit Hilfe des Videokonferenz-Tools Microsoft Teams in einem Zeitraum von zwei Wochen durchgeführt.

Bewusstsein steigern und gemeinsam aktiv werden

Die Ergebnisse der Arbeit zeigen, dass das Thema Nachhaltigkeit in der Tiroler Incentive-­Branche eine aktive Rolle spielt und dass auch bei der Gestaltung der Lieferkette auf den Umweltaspekt geachtet wird. Beispielsweise berücksichtigen Veranstaltungsplaner*innen bei der Auswahl ihrer Geschäftspartner*innen unter anderem deren Zertifizierungen, und aber sie entwickeln auch ihre eigenen Kontrollmethoden, mit denen sie die Nachhaltigkeit steuern können. Auch bei der Frage der Antriebskraft waren sich die Branchen-Ver­treter*innen einig, dass die wichtigste Triebkraft von innen kommt – nämlich von den eigenen Mitarbeiter*innen. Diese spiegeln die Bemühungen des Unternehmens in Richtung Umweltschutz sowohl nach innen als auch nach außen wider.

Angesprochen wurde auch, dass der Druck von außen in Zukunft größer sein muss, um die Nachhaltigkeit noch zielführender umsetzen zu können. Die bisherige Freiwilligkeit von Unternehmen und die fehlende gesetzliche Verpflichtung, sich als Unternehmen für den Umweltschutz zu bekennen, sehen die Interviewten als Begründung für die noch schleppende Umsetzung. Weiters wurde darauf hingewiesen, dass das Netz an nachhaltig agierenden Geschäftspartner*innen in Tirol bisher nur sehr lückenhaft ist und allein dadurch die Konzeptionierung solcher Green Meeting und Events aufwendiger erscheint. In Zukunft muss es demnach mehr umweltfreundliche Anbieter*innen geben, die in weiterer Folge die Realisierung von nachhaltigen Veranstaltungen bedingen.

Das Ziel der vorliegenden Arbeit war es, neue Ansatzpunkte für Veranstaltungsplaner*innen zur Umsetzung nachhaltiger Incentive-Veranstaltungen zu geben. Konkret wurde dabei angesprochen, dass das Bewusstsein gesteigert werden muss, indem die entsprechenden Akteure als positives Vorbild agieren. Der Mehrwert eines Green Events und die umweltfreundlichen Alternativen sollten klar ersichtlich werden. Außerdem bestätigten die Interviewten einstimmig, dass bei der Thematik viel mehr miteinander gearbeitet und ein Gemeinschafts-Gedanke entwickelt werden muss, denn nur gemeinsam könne der Umweltschutz ergebnisreich umgesetzt werden.

Zur Autorin

Lena Reil absolvierte ihr Masterstudium „Sport-, Kultur- & Veranstaltungs­management“ an der FH Kufstein Tirol. Ihre Masterarbeit „Ökologische Nachhaltigkeit im MICE-Sektor“ überzeugte die Jury nicht nur durch ihre Aktualität, sondern auch durch die Schließung der aufgedeckten Wissenslücken in der Forschung. Die Arbeit wurde daher zur Best Meeting Thesis Austria 2022 in der Kategorie Masterarbeit gewählt. Seit November 2022 arbeitet die Wahl-­Innsbruckerin bei der Veranstaltungslocation Olympia World Innsbruck im Bereich Marketing und Events.

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